Leseprobe
 
 

 

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Prolog

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In der Nähe von Blasheim, Dezember 1602

Maria Weißvogel erwachte von ihrem eigenen Husten, und wie immer in den letzten Tagen hatte sie einen schrecklichen Moment lang das Gefühl zu ersticken. Halb noch im Schlaf wälzte sie sich auf dem Stroh, das feucht und verklebt den Boden bedeckte. Schleim verstopfte ihre Lungen, und die Anstrengung, ihn fortzuhusten, trieb ihr Hitzeschauer über den Rücken. Ihre Finger tasteten über vertrockneten Tierkot und dann über das mit Lehm verschmierte Flechtwerk des Schafstalls, als sie sich aufrichtete. Erstes Morgenlicht fiel durch die offen stehende Tür.
Ihr Mann war offenbar schon aufgestanden. Sie schaute zu den Kindern, die dicht aneinandergedrängt unter der zweiten Decke schliefen. Die blonden Haare ihrer beiden erwachsenen Töchter waren unter Hauben versteckt, aber Christian, ihr zehnjähriger Bub, lag wie in einem goldenen Glorienschein. Mein Christuskind, dachte sie, und einen Moment lang verdrängte Zärtlichkeit ihre Schmerzen. Doch dann krümmte sie sich unter einem noch schlimmeren Hustenanfall, und jedes weiche Gefühl verging. Sie legte die Hand auf den Mund, um das Geräusch zu dämpfen, und trat mit der Decke um die Schultern in den Morgen hinaus.
Vor ihr, unter einer glitzernden Schneedecke, breitete sich ein Feld aus. Jenseits des weißen Lakens wuchs ein Wald. Die schwarzen Baumspitzen zeichneten sich wie Tintenstriche gegen den rosafarbenen Himmel ab. Das sieht schön aus, dachte sie, aber sie war zu erschöpft, um über die reine Feststellung hinaus noch Freude zu empfinden. Als sie die Decke fester um sich zog, sah sie, dass ihre Hand rot verschmiert war. Sie hustete Blut. Schon seit Tagen.
Stirnrunzelnd blickte sie zu der Brandruine, die einen Steinwurf entfernt am Feldrand lag. Eine ehemalige Scheune, in die der Blitz eingeschlagen war. Hatte August sich dorthin verkrochen? Zumindest wiesen die Spuren im Schnee in diese Richtung.
Dreiundsiebzig Tage, dachte sie, und plötzlich überwältigte sie Verzweiflung. Vor dreiundsiebzig Tagen hatte man sie aus Osnabrück vertrieben. Seit dreiundsiebzig Tagen irrte sie mit August und den Kindern durch ein feindseliges Land, in dem man sie mit Abfall und Steinen bewarf, in dem sie hungerten, froren, litten und zu Gesindel verkommen waren. Einen Moment lang hasste sie ihren Mann für das, was er ihnen angetan hatte. Schleppenden Schrittes folgte sie den Spuren im Schnee.
Sie hatten den Bauern nicht gefragt, ob sie in seinem Schafstall übernachten durften. Es war Heiligabend, und aus irgendeinem Grund hätte Maria es richtig gefunden, um Erlaubnis zu bitten, und sie glaubte auch, dass sie sie bekommen hätten und vielleicht sogar etwas zu essen. Aber August war dagegen gewesen. Er drückte sich vor allem, was Schwierigkeiten verhieß. Lieber litt und darbte er, als zu kämpfen. Immer noch hustend rätselte sie, was ihn von dem bisschen Wärme, das ihr Körper ausstrahlte, zur Scheune getrieben haben mochte.
Die Brettertür quietschte, als Maria sie öffnete. Das bleiche Morgenlicht fiel durch das offene Dach und beschien den hinteren Teil der Ruine, wo der Schnee wie ein Leichentuch Mist und nasses Stroh bedeckte. Sie sah mit einem Blick, dass die Scheune leer war. Müde ging sie noch einige Schritte, dann sackte sie auf einen umgestürzten Holzklotz. Heute ist Weihnachten, dachte sie wieder, und der Gedanke an die Stube, in der sie im vergangenen Jahr gemeinsam gegessen hatten, schnürte ihr die Kehle zu.
Damals waren sie noch geachtete Leute gewesen, eine Goldschmiedefamilie, die zwar keine Reichtümer besaß, aber ihr Auskommen hatte. Dann war August zum Fälscher geworden. Er hatte für eine Kette statt Goldreifen mit Gold überzogene Kupferringe benutzt. Der Betrug war aufgeflogen, und nach einer schändlichen Verhandlung vor dem Gildegericht war ihrem Mann das Stadtrecht abgesprochen worden und man hatte ihm auf ewig jede Goldschmiedetätigkeit verboten. Ausgepeitscht hatten sie ihn auch.
Maria verbot sich, weiter darüber nachzudenken. Wenn sie diese Bilder in ihren Kopf ließ - ihr blutüberströmter, nackter Mann, die Bürger, die sie bespuckten und mit allem nach ihnen schlugen, was sie zu fassen bekamen, das Weinen ihrer Kinder, die mitleidigen Blicke einiger weniger wohlwollender Nachbarn - dann nahm ihr die Scham das letzte Restchen Luft.
Sie bückte sich zur Seite, um mit etwas Schnee das Blut von der Hand zu waschen, richtete sich wieder auf, wollte zur Tür zurück - und erstarrte. Über dem Türbalken hingen zwei löchrige Stiefel. Einen Moment lang war sie wie gelähmt. Ihr Blick wanderte wie unter Zwang von den Stiefeln zu einer zerlumpten Hose hinauf und dann zu einem Gürtel und einem löchrigen Wams, aus dem nackte Arme baumelten.
August starrte auf sie herab. Seine Augen, die aus den Höhlen quollen, gaben ihm ein vorwurfsvolles Aussehen. Siehst du, was du angerichtet hast? Wohin du mich mit deinen Vorwürfen und deiner Besserwisserei getrieben hast?
"Mutter?"
Maria fuhr zusammen. Sie wollte die schlanke Gestalt, die durch das Scheunentor trat und sich suchend umblickte, ins Freie zurückstoßen, aber ihr fehlte die Kraft. "Elisabeth …"
"Was ist denn?"
Maria schwankte. Rasch fasste Elisabeth zu, stützte sie und half ihr vorsichtig zu Boden. Das Kleid des Mädchens war zerrissen, ihr Gesicht verdreckt und einer der Mundwinkel blutig eingerissen, aber als ihr die Haube von den Haaren rutschte und das goldblonde Haar um das zarte Gesicht quoll, zeigte sich plötzlich wieder ein Schein ihrer alten Schönheit, die die Burschen in Osnabrück um den Verstand gebracht hatte. Voller Zärtlichkeit und Verzweiflung zugleich dachte Maria: Wie konnte Gott ihr das antun? Wie konnte er ein so schönes Kind mit so viel Unglück bedenken?
Elisabeth zog ihr die Hand vom Mund und schaute nüchtern auf die rote Schmiere. "Das ist Blut."
"Nicht weinen", flüsterte Maria.
Aber Elisabeth weinte gar nicht. Stattdessen zog sie die Decke fester um die Schultern ihrer Mutter. "Wir brauchen einen Arzt", sagte sie ruhig. Nur konnten sie den nicht bezahlen. Nicht einmal eine der Kräuterfrauen, auf die sie gelegentlich in den Wäldern stießen. Das wussten sie beide.
Dann entdeckte auch Elisabeth die baumelnde Leiche. Sie sagte nichts, aber ihr heftiges Keuchen zeigte, wie der Anblick sie schockierte. Beide starrten auf den toten Körper. "Er hat sich wie immer den leichtesten Weg ausgesucht", sagte das Mädchen schließlich bitter. Und dann: "Wir brauchen trotzdem einen Arzt, Mutter."
Maria zog ihre Tochter an sich. Sie glühte vor Fieber, jede einzelne Faser ihres Körpers tat weh, und in ihr breitete sich eine Schwäche aus, die nichts mehr mit dem Hunger zu tun hatte, an dem sie litten. Sie wusste, dass sie sterben würde, wahrscheinlich schon bald.
"Hör zu, Kind", flüsterte sie. "Ihr müsst nach Braunschweig gehen, zu eurem Großvater, zu Franz Weißvogel. Er hat seinen Sohn, euern Vater, nicht leiden können, aber er ist der einzige Verwandte, der euch geblieben ist, und vielleicht hat er ja seinen Enkelkindern gegenüber ein weicheres Herz. Ihr müsst ihn aufsuchen und um Hilfe bitten."
Maria spürte, wie der Körper ihrer Tochter steif wurde, als ahnte sie bereits, was für eine Bürde ihr auferlegt werden sollte. "Dann bringt uns dorthin."
Marias Stimme wurde weicher, als sie weitersprach. "Wenn ich´s doch nur könnte. Deine Schwester …" Sie stockte. Der Herr hatte es für gut befunden, ihre Töchter unterschiedlich zu erschaffen. Sie liebte sie beide, musste sich aber mit schlechtem Gewissen eingestehen, dass Elisabeth ihr näher stand. Lissi war nicht nur hübsch. Sie besaß auch eine besondere Herzenswärme und Fröhlichkeit und einen Schwung, der überall, wohin sie kam, gute Laune verbreitete.
Marga war völlig anders. Obwohl nicht hässlich, hatte sie etwas Griesgrämiges. Sie krittelte herum und belehrte und kommandierte ihre Umgebung, und wenn jemand bei August wegen einer Hochzeit vorgefühlt hatte, so hatten sich die Gespräche fast immer um Elisabeth gedreht. Maria wusste um den tiefen Neid, den Marga ihrer Schwestern gegenüber verspürte. Sie seufzte.
"Mutter?" Elisabeth schüttelte sie vorsichtig. "Wir können nicht bleiben. Es wird bald Tag. Wenn man uns erwischt …"
"Ich werde sterben."
Elisabeth schüttelte den Kopf. "Nein! Ich koche Wasser. Sobald Ihr etwas Warmes …"
"Und du wirst für Marga und Christian sorgen müssen."
Elisabeth ließ sie los. Sie stand auf, und es dauerte mehrere Augenblicke, ehe sie wieder sprach. "Und wer beschützt mich?" Ihre Stimme brach vor Bitterkeit, und Maria ging auf, dass das Bild der Stärke, das sie von Lissi hatte, längst nicht mehr stimmte. Der Hungerwinter hatte an ihrer Tochter wie an ihnen allen gefressen. Kein Wunder. Wie oft hatte sie an die Türen der Bauernhäuser geklopft und war beschimpft und von Hunden über die Wiesen gehetzt worden. Wie oft hatten sich Kerle an sie herangemacht, als wäre sie ein Abfall, auf den jeder Anspruch erheben konnte. Sie hatte auf ihre eigene Art darauf reagiert, indem sie misstrauisch und hart wurde. Wenn ihr überhaupt noch ein Scherz über die Lippen kam, dann klang er gallig.
Madonna, warum hat August ihr nicht erlaubt, Berthold Stammer zu heiraten?, dachte Maria mit einem zornigen Stich im Herzen. Dann wäre sie verheiratet gewesen, als man August beim Fälschen erwischte, und sie hätte in Osnabrück bleiben und vielleicht sogar die Geschwister aufnehmen können.
Sie verbarg ihre Gefühle und strich über die Hand ihrer Tochter. "Du bist stark, Elisabeth, und das ist eine Gnade des Himmels. Versündige dich nicht am Allmächtigen."
"Wir werden mit oder ohne meine Stärke verhungern", sagte Elisabeth rau.
"Du darfst nicht so reden!"
"Uns schleicht einer hinterher. Schon seit zwei Tagen. Ein Mann mit einem ausgeschlagenen Auge. Wenn er sieht, dass Vater fort ist …"
"Dann müsst ihr eben schauen, dass ihr fortkommt. Ihr geht nach Braunschweig", unterbrach Maria sie, jetzt mit Schärfe. "Und nun komm. Wir schneiden Vater vom Strick. Was auch immer er verbrochen hat, er soll ein christliches Begräbnis erhalten, und deshalb muss es so aussehen, als hätte ihn die Kälte ..."
"Er hat sich erhängt. Wie kann´s dann christlich sein? Lässt Gott sich denn so leicht aufs Glatteis führen?"
"Bitterkeit ist weder ein Schmuck noch ein Schutz. Hilf mir, Kind!"
Es kostete Mühe, den Leichnam, der bereits steif wurde, auf den Boden zu holen. Elisabeth benutzte dazu eine Leiter, die sie in einer Ecke der Scheune fand. Sie war es auch, die anschließend den Kälberstrick vom Balken zog, an dem August sich erhängt hatte. Maria hätte ihr gern die Last abgenommen, den Toten auch noch hinauszuschleppen, aber sie hätte nicht einmal seine Stiefel tragen können, so schwach war sie.
Elisabeth war klug genug, den Leichnam einige Schritt weit in der Spur zurückzutragen, die sie hinterlassen hatten. Erst dann ließ sie ihn in den Schnee fallen. Als sie zu ihrer Mutter zurückkehrte, blickte sie sich kein einziges Mal nach ihm um. "Wir wollen also nach Braunschweig?"
Maria lehnte sich gegen die Scheunenwand. "Noch eines", sagte sie. "Gott hat dir nicht nur ein starkes Herz, sondern auch geschickte Hände und den Blick einer Künstlerin gegeben. Das ist sein zweites Geschenk an dich, Elisabeth. Du bist eine begabte Vergolderin. Vergiss nicht, was ich dir beigebracht habe."
Ihre Tochter starrte an ihr vorbei auf die Scheunenwand.
"Und lass nicht zu …", dass dein Herz hart wird, hatte Maria sagen wollen, aber sie brachte es nicht über sich. Jede Grausamkeit, jede Gemeinheit, die ihre Tochter erlebt hatte, hatte sich wie eine Schicht Eis um ihr Herz gelegt. Wie konnte man ihr befehlen, diese Schicht schmelzen zu lassen, war sie doch vielleicht das einzige, was sie davor bewahrte, zu zerbrechen.
"Du musst mir etwas schwören, Elisabeth. Jetzt. Auf das Kreuz an meinem Hals, damit ich in Ruhe sterben kann." Sie griff nach der schmalen, warmen Hand und legte sie auf das heilige Schmuckstück. "Schwöre mir, dass du Marga und Christian beschützt. Dass du sie nach Braunschweig in ein gottgefälliges Leben zurückbringst. Schwöre mir das."